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Süddeutsche Zeitung 02/2021

Bunt fürs Leben

Warum so viele Menschen gerade ihre Wände streichen – in Farben, die bisher undenkbar waren

Loriot? Wird auch überschätzt. Was wurde er damals gefeiert für seine 28 Grautöne. Mausgrau, Staubgrau, Aschgrau, Bleigrau, Zementgrau – ein Fest der Farben. Erst recht das „ganz frische Steingrau“! Im Lichte späterer Entwicklungen muss man allerdings sagen: Es handelte sich um eine dürre, geradezu fantasielose Auswahl. Was wusste Loriot vom „sanften Seidengrau“ und vom „dynamischen Platingrau“ aus dem Farbangebot von Schöner Wohnen? Was von einem „melancholischen Mittelgrau“ namens „Nebel im November“, vom „tiefsinnig behaglichen Charakter“ der Nuance „Stärke der Berge“, vom „würdevollen Hellgrau“ namens „Poesie der Stille“, das die Firma Alpina entschlossen, aber nicht völlig nachvollziehbar mit Hermann Hesse in Verbindung bringt? Was vom Aufstieg des legendären Grau-Braun-Beige-Tons „Elephant’s Breath“ der britischen Nobelfirma Farrow & Ball?

Nichts. Und Nathalie Pagels, diplomierte Farbberaterin aus Düsseldorf, würde wohl sagen, dass Loriot da wenig verpasst hat. Zwar ist Grau in lyrischer, melancholischer oder behaglicher Qualität nicht nur ein Dauerseller unter den deutschen Wandfarben, sondern gehört auch praktisch weltweit zum Empfehlungskatalog für das Jahr 2021. Der amerikanische Farbenhersteller Benjamin Moore rät wahlweise zu „Gray Cashmere“ (behaglich), „Kingsport Gray“ (melancholisch) oder „Foggy Morning“ (stille Poesie). Selbst das Farbinstitut von Pantone kürte „Ultimate Gray“ zu einer der beiden Pantone-Trendfarben für das Jahr 2021. Zusammen mit einem energischen Gelb namens „Illuminating“ spende das Duo Mut und Lebensfreude, gerade in „unsicheren und verunsichernden“ Zeiten.

Die Wirkung der Pantone-Kombination auf Nathalie Pagels hingegen: „Ich habe mich sehr erschrocken.“ Grau, das sei nicht nur unbunt, nie lebendig, sondern großflächig aufgetragen sogar einschläfernd, ja, beängstigend und in Verbindung mit Gelb nachgerade toxisch. Schon Gelb allein wäre heikel. Gelb, die „Mimose“ unter den Farben (Pagels), die sparsam und sanft eingesetzt werden muss, wird ja so oft missverstanden. Löwenzahn- und Honiggelb sollen den Deutschen die Sonne bringen, aber nur zu oft wirken sie schrill und im verhangenen Greige-Klima Mitteleuropas überdies leicht grünlich. Ungezählte Schulen und Kitas drücken mit einem Anstrich von Übelkeit Heranwachsenden aufs Gemüt.

Pagels jedenfalls denkt bei der Kombination von Gelb und Grau „nicht an etwas Edles, sondern an Elektriker“. Kabel vielleicht oder Warnhinweise, in jedem Fall mehr Lebensgefahr als Lebensfreude.

Nathalie Pagels

Indes, Grau ist da, Grau ist in. Farbevolutionär betrachtet ist das kein Zufall, sondern fast folgerichtig. Denn die Liebe der Deutschen zur grauen Wand folge auf die Liebe der Deutschen zur weißen Wand, sagt Pagels. Und schon Weiß bot ja nur scheinbar eine neutrale Position, ganz gleich, ob hartes Industrieweiß oder das sanfte „Blanc de Pussigny“, das die irische Architektin Eileen Gray für ihr ikonisches Haus E. 1027 an der französischen Riviera verwendete.

Beides – Weiß wie Grau – drücke vielmehr auf unterschiedliche Arten einen „Unwillen zur Differenzierung“ aus, einen Mangel an „Farbidentität“, vielleicht sogar, sehr zugespitzt, eine Tendenz zum Verdrängen. „Man kann Farbe immer in Verbindung bringen mit der Gesellschaft, die sie umgibt. Man kann ablesen, was geschieht“, sagt Pagels. Wache Zeitgenossen ahnen an dieser Stelle, dass es irgendwann auch um Braun gehen wird. Aber greifen wir nicht vor.

Pandemisch betrachtet, könnte die Kolorierung der Wände nicht drängender sein. Viele Menschen wohnen so intensiv wie noch nie, und was sie in der vertrauten Umgebung wahrnehmen, ist oft verstörend. Viele spüren eine Sehnsucht nach Sicherheit und Leichtigkeit, da lag Pantone gar nicht falsch. Nur muss man aus dieser Sehnsucht die richtigen Schlüsse ziehen. Auch Pagels erkennt das Bedürfnis nach Ruhe an, nach einer Zuflucht vor dem infizierten Draußen. Wenn aber Grau keine Lösung ist, wie genau entdeckt man dann jene umhüllende, differenzierte, ja, heilende Farbigkeit? Eben.

Noch vor wenigen Jahren fanden gestaltungswillige Menschen im Baumarkt bestenfalls Streifen mit briefmarkengroßen Farbflecken. Inzwischen gibt es nicht nur Probiergrößen und eine Konsumlyrik in literarischer Qualität, sondern leicht zugänglich auch regelrechte farbphilosophische Weltentwürfe. Eindrucksvolle digitale Auftritte sind beispielsweise jene von Karl Johan Ber­tils­son, Crea­tive Direc­tor der schwedischen NCS Colour Aca­demy, der für das Corona-Jahr 2021 mit gleicher Intensivität knallbunte Folklore („Seeds“) und violetten Tiefsinn („Biodepth“) propagierte, erdfarbene Natürlichkeit („Honesty“) und pastellige Künstlichkeit („Virtual Relativity“). Der Trend zum Digitalen sei sehr stark, aber jener zum Analogen auch sehr, das Miteinander der Farben „super important“, aber einzelne Farben damit nicht obsolet.

Nathalie Pagels würde da nicht mitgehen. All die chromatischen Handreichungen lenken nur ab von der Frage, welche Farbe der Einzelne braucht, welche ihm hilft. Historisch können die Deutschen da weniger aus dem Vollen schöpfen, ist, genauer gesagt, der unbefangene Umgang mit Farbe für sie nicht ganz so leicht wie beispielsweise für die Guatemalteken, die sich trauen, selbst ihre Friedhöfe bunt anzumalen.

In Deutschland aber sind einige Farben belasteter als andere, und natürlich geht es um Braun. Diese historisch sicherlich prägnanteste Farbe drücke durchaus Heimatverbundenheit, Geerdetheit und Sicherheit aus, sagt Pagels. Aber so richtig erholt hat sich Braun von den Begleiterscheinungen ihres zwölfjährigen Hochs dann doch nicht.

Und sonst? Zum Trost nach den Härten jener Jahre hüllten sich die Deutschen in Bonbon- und Petticoat-Farben und verzierten die Wände mit Strukturrollen in Nieren- und Blümchenmustern. Nur keine scharfen Kanten. Danach, in den Siebzigern, erfassten großformatige psychedelische Muster in Orange, Braun und Apfelgrün das Land, einzig übertroffen – und lange überlebt! – vom jahrzehntelangen Höhenflug monochromer Pickeligkeit: Rauhfaser galt als modern, schnell, sauber, auch nachhaltig. Dass sich die Kröten-Wände bis heute halten, dass gerade mancher Blick im Home-Office über gestalterische Atavismen schweift, wundert Pagels nicht: „Wir sind eben nicht die Schnellsten.“

So wenig hilfreich also der historische Rückgriff ist, so irreführend kann kulturelle Appropriation sein. Natürlich tun die Erdtöne der Toskana der Seele gut oder besser, sie taten es, als man noch reisen konnte. Aber wer in schöner Erinnerung an einen Abend in dieser wirklich bezaubernden Villa bei Florenz nach den Herbstferien seine Essecke in Terrakotta streicht – übrigens auch eine Trendfarbe –, der erzielt selten denselben Effekt. Was Weite bringen sollte, kann dem Betrachter die Luft abschnüren, was anderswo weich und harmonisch wirkt, tendiert schlimmstenfalls ins Zahnfleischfarbene.

Am besten eben nicht bei der Farbe beginnen, sondern bei den eigenen Bedürfnissen und Empfindungen, nicht außen, sondern innen.

Nathalie Pagels

Wie also die Farbe finden, die uns in bessere Zeiten führt? Am besten eben nicht bei der Farbe beginnen, sondern bei den eigenen Bedürfnissen und Empfindungen, nicht außen, sondern innen. Wer eine rote Wand streicht, tue dies meist nicht, weil die Einrichtung es erzwingt, so Pagels, sondern weil Rot die passende „Vokabel“ für sehr unterschiedliche Wünsche sein kann, den Wunsch nach Repräsentation, nach Wärme, nach Erotik. Was also ist das Bedürfnis? Welche Farbe drückt es aus?

Das klingt jetzt alles vielleicht kompliziert und sogar ein wenig abschreckend, sollte aber eher ermutigen, ertüchtigen, ermächtigen, den Sprung zu wagen, denn wirklich bunt sieht nur die erste Wand in sonst weißer Umgebung aus, verspricht Pagels. Warum nicht dunkle Farben wagen, Tannengrün oder Tiefseeblau? Letzteres ist – hier irrte Goethe – gerade keine kalte Farbe, sondern geradezu balsamisch. Wände lassen sich teilen, einzelne Ecken farblich abtrennen – Home-Office! –, und keine Angst vor farbigen Decken! Irgendwann wirken die Off- und Off-Off-Whites, die Beiges und Greiges nur noch wie fade Verwandte. Wer wohnt schon gerne in einem Schluck Wasser?

Es sind die letzten Lockdown-Wochen. Bald kommt das Frühjahr und damit die Outdoor-Saison. Wer jetzt noch aufbricht, um die grauen Zeiten hinter sich zu lassen, wird bald dem Suchtpotenzial erliegen, wird Wand um Wand verwandeln, und sich vielleicht schon bald, nachdem das letzte Kreppband entfernt und die letzte Plane entsorgt ist, bang fragen, wie er oder sie den nächsten Winter füllen soll. Zum Trost ein Wort: Tapete.

Interview: Sonja Zekri
© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von Süddeutsche Zeitung Content.
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