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Farbgeschichte(n)

Farbe als Material

Farbe ist eine sinnliche Erscheinung, etwas, das wir sehend wahrnehmen. Farbe ist aber auch greifbares Material – etwas, das wir anfassen können. Beides hat Einfluss auf den Sinneseindruck in unserem Gehirn.

Eine der ersten Farbkonzepte, die ich als frisch gebackene Farbberaterin in Auftrag bekam, war für ein Herrenhaus, welches nach historischem Vorbild wieder aufgebaut wurde. Die Ansprüche des Bauherrn waren sehr hoch und er bat mich, mich mit historischen Farbmitteln auseinander zu setzten. Für mich tat sich eine neue Welt auf: Gelbe Ocker, rote Erden und Champagnerkreide. Klangvolle Namen wie Satinober, vom Monte Amiata aus der Provinz Grosseto in Italien. Grüner Porphyr von der Cote d`Azur. Meine Küche glich einem Labor, in dem ich Verhältnisse mit der Küchenwaage abwog, um Farbproben zu erstellen. Die Pigmente bezogen wir aus einer Farbmühle in Süddeutschland. Eine Restauratorin und Fassmalerin wurde hinzugezogen und gemeinsam gelang es dem Gebäude und seiner Geschichte, mit Rezepturen und Handwerkstechniken gerecht zu werden, wie sie schon seit hunderten und tausenden Jahren verwendet werden.

Schärfung der Sinne

Verankert hat sich in diesen lehrreichen Monaten das Wissen um den Wert eines Farbmaterials – um seine Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit, seine Herkunft und Geschichte. Ich verstand das Pigmente wie Brillanten sind, und auch so gehandelt werden. Das Champagnerkreide aber nicht so teuer ist wie sie sich anhört. Das beim sogenannten „einsumpfen“ ein Pigment lieber in Wasser rieselt als von ihm begossen zu werden. Alles, vom Beschaffen der Pigmente und Kreiden, der Farbproben, der Herstellung des Anstrichmittels, dem farbigen Fassen der Lehmwände und der anschließenden Haptik des mit der Bürste und Quast aufgebrachten Materials schärfte und beruhigte meine Sinne gleichermaßen.

Farbe ist Material

Seither habe ich kein Satinober mehr benutzt und auch keine Terra Ercolano, doch in meinen Empfehlungen betrachte ich Farbe stets auch als das Material, das sie ist. Die Wirkung und der Farbeindruck eines Pigmentes – sei es auf Wänden oder in der Malerei – hängen von ihrer Struktur und ihrem inneren Aufbau ab. Je nach Herkunft, Zusammensetzung, Teilchengröße, Feinheit oder kristalliner Struktur reflektieren und streuen Pigmente das Licht unterschiedlich. Entscheidend sind zudem ihre Herstellungs- und Verarbeitungsweise, das verwendete Bindemittel, in dem sie verteilt sind. Und schließlich wird der finale Eindruck durch Oberfläche, Technik und Werkzeug geprägt.

Der Vorteil, der kein Vorteil ist

In Kunst, Textilfärberei und Anstrichmitteln suchte man stets nach neuen Rezepturen – nach Farben, die leuchtender waren, als die bisherigen und sich preiswert in großen Mengen herstellen ließen. Berliner Blau, auch Preußisch Blau genannt, war der erste moderne synthetische anorganische Farbstoff und entstand zu Beginn des 18. Jahrhunderts – durch Zufall. Mit der Zeit wurde die Farbpalette immer breiter, während ältere, nachhaltigere Verfahren in den Hintergrund traten. Im 20. Jahrhundert kam Titandioxid auf den Markt und wurde wegen seiner enormen Deckkraft gefeiert; bis heute ist es das wichtigste und meistverkaufte Weißpigment, obwohl Herstellung und Entsorgung ökologische Fragen aufwerfen.

Seit der Wandlung der Alchemie zur Chemie um 1700 hat die Farbenwelt große Fortschritte gemacht. Erdölbasierte Pigmente bieten enorme Leuchtkraft, Vielfalt und gleichmäßige Qualität – doch ist das wirklich ein Vorteil? Allzu oft verlieren künstlich organische Farben durch ihre Intensität jede Natürlichkeit. Auch Farbtiefe, Haptik und Raumklima unterscheiden sich deutlich: Mineralische Farben legen sich nicht wie ein Film auf die Oberfläche, sondern verbinden sich – etwa als Silikatfarben – chemisch mit dem Untergrund und werden Teil des Materials. Heute stellt sich mehr denn je die Frage, welche Verantwortung wir bei der Wahl des Farbmaterials tragen. Welche Spuren hinterlässt die Farbe – und worauf wird sie aufgetragen? Eine Farbe kann nicht alles zugleich sein: leicht zu verarbeiten, dauerhaft, günstig, abriebfest, witterungsbeständig, lichtecht, ökologisch und nachhaltig. Hier darf man gerne das ausführende Gewerk in die Verantwortung nehmen, aber auch den eigenen Anspruch hinterfragen.

  • Pigmente sind unlösliche Partikel, die in Bindemitteln zur Anwendung kommen.
  • Natürlich anorganische Pigmente werden aus Erden, wie Ocker, Mineralien wie Schiefer, Halbedelsteinen wie Lapislazuli, und Kreiden wie der Rügener Kreide gewonnen.
  • Künstlich anorganische Pigmente sind im Labor hergestellte Farbmittel, die aus anorganischen Ausgangsstoffen entstehen.
  • Künstlich organische Pigmente sind aus Kohlestoffverbindungen und werden chemisch aus Erdölprodukten hergestellt.
Autorin: Nathalie Pagels