Farbgeschichte(n)
Eine Farbe revolutioniert die Welt
Der erste synthetisch organische Farbstoff der kommerziell genutzt wird, markiert einen Wendepunkt der Geschichte, in der Industrien neu erblühen und gleichzeitig ganze Landwirtschafts- und Handwerkszweige verschwinden.
William Henry Perkin,1838 in England geboren, ist Schüler der „Royal School of London“, und ein vielversprechender junger Mann.
Farbstoff statt Medizin
Mit nur 15 Jahren wird er Assistent des renommierten Chemikers August Wilhelm von Hofmanns, Leiter des „Royal College of Chemistry“. Drei Jahre später beschäftigt sich Perkin mit einer Aufgabe, über die Hoffmann schon lange nachdenkt: Der künstlichen Herstellung von Chinin. Ein Medikament, das bisher nur auf natürlichem Wege aus der Rinde des hauptsächlich in Südamerika wachsenden Chinarindenbaumes gewonnen werden kann und gegen Malaria eingesetzt wird. England führt etliche Kolonialkriege und verliert seine Männer durch tropische Krankheiten. Chinin kann auf natürlichem Wege nicht mehr in genügend Mengen hergestellt werden und man arbeitet an seiner Synthetisierung. Zwar ist Perkin erfolglos darin durch chemische Verbindungen mit Anilin künstliches Chinin herzustellen, doch bei seinen Versuchen entdeckt der junge Mann etwas ganz anderes: Als Nebenprodukt entsteht eine in Alkohol lösliche Substanz, die färbende Eigenschaften aufweist: „Anilin-Purpur“ wie Perkin seine Entdeckung zuerst nennt.
Von der Chemiegeschichte zur Farbrevolution
Der Begriff „Mauvein“ entstand erst später und leitet sich aus dem französischen für malvenfarbig ab. Schon vor Perkin entdeckten Chemiker färbende Stoffe als Nebenprodukt, empfanden diesen Umstand jedoch als nicht wichtig genug, oder gar als zu unseriös, um dahingehend weiter zu forschen. Perkin jedoch denkt in größeren Zusammenhängen: Ein neuer Stoff ist gefunden und die Voraussetzungen diesen massenhaft zu nutzen sind gegeben: Die Textilfärberei. Am 26. August 1856 meldet William Perkin ein Patent an und gründet mit Hilfe des Vaters und des Bruders schon im darauffolgenden Jahr eine Fabrik, in der bis in die 1870ern hunderttausende Tonnen synthetischer Farbstoffe hergestellt werden. Der Lila Farbton erobert die Welt der Mode. Auch Königin Victoria trägt die Farbe ihrer Zeit. In Frankreich und England herrscht bald ein regelrechter „Mauvein-Rausch“. Schließlich verkauft William Perkin das Unternehmen und wendet sich, als passionierter Chemiker, wieder ganz der Forschung zu.
Natürliche Farbstoffe vor „Mauvein“
Bis zu Perkins’ Entdeckung konnte ein lila-violetter Farbton nur durch einen sehr aufwendigen Herstellungsprozess erzielt werden. Man färbte Textilien erst mit Krapp und später mit Indigo. Diese beiden Farbstoffe gehören nicht nur zu den ältesten, sie waren über Jahrtausende auch die einzigen Naturstoffe, die fast überall auf der Welt vorkamen und auch angebaut wurden. Für Soldaten waren im 18./19. Jahrhundert Rot und Blau die gängigen Farben. Krapp konnte lokal angebaut werden und war im Gegensatz zum Karmin der Schildlaus kostengünstig. Gefärbte Stoffe waren jedoch vor allem „höheren Ständen“ vorbehalten. Die „unteren Stände“ trugen überwiegend einfache, naturfarbene Kleidung in Braun‑ und Grautönen und bedienten sich günstiger Färbemittel wie Nussschalen oder Eichenrinde.
Die Verwendung des echten Purpurs, das aus dem Sekret der Purpurschneckendrüse gewonnen wird, endete schon mit dem Niedergang des Byzantinischen Reiches. Purpur galt als der wertvollste und teuerste Farbstoff der Antike und des Mittelalters.
Natürliches Indigo wurde vor allem im namensgebenden Indien gewonnen. Bevor der Seeweg dorthin gefunden wurde, galt das kostbare indische Indigo als nahezu unerschwinglich und blieb vorwiegend Kunstmalern vorbehalten. Mit dem Zeitalter des Kolonialismus änderte sich das grundlegend. In den von Gewalt, Sklaverei und Ausbeutung geprägten Kolonien entstanden riesige Indigoplantagen, die zu einem zentralen wirtschaftlichen und politischen Faktor wurden. Von dort gelangten große Mengen nach Europa. Der heimische Waid konnte weder mit der Farbintensität noch mit den Preisen des indischen Indigos mithalten und die Waidbauern verloren ihre Existenz. Aber auch das indische Indigo sollte verdrängt werden.
Der steile Weg zum künstlichen Indigo
In Deutschland investieren Chemie Konzerne viel Zeit und noch mehr Geld, um auf Perkins Grundlage neue Farbstoffe zu finden. Die künstliche Herstellung von Krapp gelingt bereits im Jahre 1869. Wie auch beim natürlichen Farbstoff ist Rot weniger komplex in der Herstellung als Blau. Um das ersehnte Indigo in beliebigen Mengen künstlich herzustellen zu können braucht es fast 30 Jahre der weiteren Entwicklung und viele kluge Köpfe.
Im Jahr 1897 bringt die BASF (Badische Anilin- und Sodafabrik) unter dem Namen „Indigo rein BASF“ erstmals ein vollständig synthetisch hergestelltes Indigo auf den Markt. Innerhalb kurzer Zeit setzt sich das Produkt durch. Es ist günstiger, intensiver und vor allem Massentauglich. Farben wie Indigo oder Purpur sind nicht mehr das Statussymbol für die Reichen und Mächtigen, Rot und Blau nicht mehr die exklusiven Farben des Militärs. Bunte Kleidung ist jetzt für eine breitere Bevölkerung erschwinglich. Eine neue Ära der Farbstoffproduktion hat begonnen, eine alte verschwindet.
- Farbstoffe, sind lösliche, organische Substanzen, die Stoffe durchdringen und färben.
- Natürlich organische Farbstoffe, werden aus Pflanzen wie dem Färberwaid, Gewürzen wie Safran und Kurkuma, und Tieren wie Läusen und Schnecken hergestellt.
- Künstlich organische Farbstoffe wurden in ihren Anfängen aus Steinkohlenteer gewonnen. Heute basieren sie überwiegend auf Erdölprodukten.



